Die Gurukraft
Eine Darstellung der Meister-Jünger, Lehrer-Schüler Beziehungen und ihrer zugrunde liegenden Kraft
Die Meister-Jünger, die Lehrer-SchülerInnen Beziehungen leben von der Kraft des inneren Zentrums des Bewusstsein, die in jedem Menschen ruht. Diese Kraft nennen wir die Gurukraft. Meister und Lehrer können den Weg für sich spirituell schulende Menschen aufzeigen und ebnen, um dieses im Innersten Ruhende, im Innersten sich Bewegende, Unsterbliche wahrnehmen, erfahren zu lernen. Gehen muß diesen Weg jedoch jeder für sich allein. Die Verehrung der Gurukraft, Respekt und Dankbarkeit gegenüber den Lehrenden sind die inneren Haltungen, die einen sich spirituell schulenden Menschen ausmachen.
Die Sehnsucht vieler Menschen nach Orientierung und Lebensunterstützung wird immer stärker; allerdings besteht die Gefahr, sich aus der eigenen Unsicherheit heraus bei dieser Suche in Abhängigkeiten zu begeben. Wir haben aber eine in uns schlummernde Kraft, mit der wir dieser Gefahr begegnen können:
Die Schärfung des Unterscheidungs-und Entscheidungsvermögens unseres Geistes. Sie kann Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden helfen und so Freiheit, Mündigkeit, Selbstverantwortung und Selbstsicherheit entwickeln.
In der Betrachtachtung der Guru-Jünger und LehrerInnen- SchülerInnen Beziehung ist diese Unterscheidungsfähigkeit von besonderer Bedeutung. Was sollte unterschieden werden? Um einer irreführenden Gestaltung dieser Beziehungen vorzubeugen, müssen wir fragen, woher die Kraft kommt, die sich durch MeisterIn und LehrerIn ausdrückt. Eine Erkenntnis und Antwort auf diese Frage wäre, es gibt eine Geistige Kraft, die aus der Geistigen Welt heraus wirkt. Sie ruht - den ehrwürdigen Schriften entsprechend - in einem Bewusstseinsfeld, das Hiranyagarbha der „ Goldenen Schoß" genannt wird. Von dort aus sendet sie ununterbrochen ihre Botschaften an Menschen, die sich dafür öffnen und sich vorbereitet haben, sie zu empfangen. Der Empfänger dieser Botschaften ist in jedem Menschen das innere Zentrum des Bewusstseins auch der innere Lehrer genannt.
Wenn ein innerer Dialog mit der Geistigen Welt in einem übenden Menschen entsteht, dann beginnt die Wirkung der Gurukraft den Menschen aus der Dunkelheit ans Licht, aus der Unwissenheit zum Wissen und zur Weisheit und von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit zu führen. Dieser Kraft sollte unsere Verehrung gelten.
Die folgenden zwei Mantren drücken diese im Innern entstehende Verehrung auf eine anschauliche Weise aus.
Asato ma sad-gamay
Tamaso ma jyotir gamaya
Mrtyor-ma'mrtam gamaya
Führe mich von der Unwissenheit zum Wissen
Führe mich von der Dunkelheit ans Licht
Führe mich von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit.
Akhanda Mandala Mantra
Akhanda MandalakaramVyaptam yena Characharam
Tat padam Darshitam yenaTasmai Shri Gurave namah
Diese große, alles umfassende, alles wissende Quelle des Lichts, der Erkenntnis und der Weisheit ist Zeuge von dieser meiner Handlung.Ich werde zu einem Kanal, durch den diese Weisheit fließt, aber die Weisheit gehört nicht zu mir.Diese Weisheit kommt von der Quelle des Lebens und des Lichts.So sind viele Weise hinter mir, ich bin wie ein Glied (Haken) in einer Kette, die eine ewige Kette ist.
Ich bin getrennt und doch eins mit ihnen, so dass alles, was durch mich fließt, Ihm gehört, dem nie vergänglichen Kanal der Weisheit und der Wahrheit. Ich verbeuge mich vor der Gurukraft (dem Licht, das die Dunkelheit des Universums vertreibt, der Weisheit und der Erkenntnis - nicht ein besonderes Wesen).Ich gebe meinen Geist, mein Herz und mein Ego hin, so dass dieses Höhere Wissen - dispara vidya, Wissen vom Jenseits - frei durch mich hindurchfließt. Ein großer Lichtkreis, der die Sonne des ganzen Universums ist, die Sonne, die das ganze Universum erleuchtet - so strahlend ist das Licht, das in den Herzen aller Wesen ruht.Sie, die mir durch ihre Gnade dieses Licht gezeigt hat, diesen großen Kreis der Kosmischen Sonne: Diese Gurukraft verehre ich.
Die Verinnerlichung dieser Mantren führt auf einen spirituellen Schulungsweg. Körperliche, geistige und vor allem emotionale Reinigungsprozesse beginnen das Leben zu bestimmen. Es entwickelt sich ein Lernprozess, der eine ständige Wachheit und Achtsamkeit erfordert. Und in dem Sinne wie der Körper, der Geist und die Seele zu einem Tempel Gottes werden, dehnt sich die Fähigkeit aus, jedem Lebensaugenblick Würde zu verleihen. Eine innere Haltung entfaltet sich, wir werden zu einem staunenden Kind; denken nicht, alles allein machen zu können, sondern suchen immer die Nähe der Gurukraft, in welcher Form auch immer. Jetzt offenbart sich das Göttliche in jedem Lebensaugenblick auf eine ganz einfache, wunderschöne, herzerweichende Weise.
In der Tradition der Heiligen der Himalayas fühlt man die Dankbarkeit für das Namenlose, das scheinbar Nutzlose wie z.B. ein Lächeln oder die Liebe die keinen Gewinn bringt. Selbst, wenn man ein ganzes Leben meditiert und nur an einem einzigen Tag durch Gnade in einen anderen Bewusstseinszustand versetzt wird, hat es sich gelohnt, zu üben. Was kann erhabener sein?
Die Gurukraft wecken
Die Verehrung der Gurukraft wird im Johannisevangelium eindrucksvoll beschrieben. Dieses Evangelium kann als eine der höchsten Lehren angesehen werden, weil es Christus als den Lehrer hervorhebt, der von sich sagt:" nicht ich bin es, sondern jemand anderer ist es, der durch mich lehrt." Und dieser Kraft bezeugt Christus seine Verehrung. Indem wir uns dieser Kraft bewusst sind, erreichen wir einen Kontakt mit der Quelle, aus der diese Worte fließen. Solche Worte aus dem Munde Christi, dem Mund eines Buddha oder Krishna sind Ausdruck einer Geistigen Kraft, die sich den Menschen seit Jahrtausenden als Licht offenbart. Diese Lichterfahrungen, können strahlender sein als 10.000 Sonnen. Nach einem solchen inneren Erlebnis strömen aus dem eigenen Geist nur Anbetungen wie z. B. „meine Augen waren verschlossen durch die Dunkelheit der Unwissenheit, da berührte mich ein Strahl von Licht und öffnete meine Augen - dieser Gurukraft bezeuge ich meine Verehrung."
Das Akhanda Mandala Mantram kann durch solch eine Erfahrung im Geist zu schwingen beginnen: „Wie das strahlende Licht der Sonne, die das ganze Universum erstrahlen lässt, von solch einer Leuchtkraft ist das Licht, das in den Herzen aller Menschen erstrahlt. Vor dieser Gurukraft, die mir durch ihre Gnade dieses strahlende Licht der kosmischen Sonne gezeigt hat, verneige ich mich in Demut und Dankbarkeit."
Diese Gurukraft, die sich durch Meisterseelen besonders stark ausdrückt, wird häufig missverstanden - durch einen ungekonnten Sprachgebrauch vermenschlicht, indem man über einen Menschen von „meinem Guru" spricht. Diese Kraft in diesen Meisterseelen ist der Weg, ist reine Liebe. Ihre aufrichtig bemühten Jünger hingegen können als spirituelle Lehrer nur den Schulungsweg zeigen und sich bemühen, liebevoll zu sein.
Es mag ratsam sein, der heute so problematisch gewordenen Lehrer- Schüler-Beziehung durch die Unterscheidung zwischen Meistern und Lehrern, Jüngern und Schülern, mehr Tiefe zu geben. In der Beurteilung von Meistern und Lehrern wird heute gern mit dem Zeigefinger auf sie gezeigt, sie werden beurteilt und teilweise verurteilt. Dabei wird übersehen, dass nur ein Finger auf den Lehrer zeigt und drei in die Richtung des Schülers. Alle wollen heute Lehrer sein, aber wessen Bestreben ist es, ein ernsthafter Schüler zu sein? So erscheint es mir sinnvoll, darüber nachzudenken, wie die Qualifikationen ernsthafter Schüler, die sich ehrlich bemühen und sich auf die Begegnung mit der Gurukraft vorbereiten, aussehen könnten.
Auch SchülerInnen brauchen eine Qualifikationen.
Einer der ersten Erkenntnisschritte ist das Erwachen am eigenen Sein. Es ist das Erwachen am eigenen Leiden, an den eigenen Unfähigkeiten, an den Schattenseiten unserer Persönlichkeit, die wir am liebsten vor der Welt verborgen gehalten hätten und die wir nun nicht mehr ignorieren können. Die Kraft einer klaren Wahrnehmung, die Wahrheit zu erkennen, ohne sich davon beeindrucken zu lassen, beginnt sich immer mehr und mehr herauszubilden. All unsere Übungen aus dem Hatha-Yoga und Pranayama helfen uns dabei. Es folgt dann durch die Meditationspraxis die allmähliche Entfärbung unsres Geistes durch die Qualität von vairagya (Entfärbung), die es uns ermöglicht, unseren Geist als kristallklares Instrument zu erkennen und zu gebrauchen. Und wir können dadurch erkennen, dass es die Aufgabe des Geistes ist, durch seine Reinheit und Klarheit, dem Himmlischen das Irdische und dem Irdischen das Himmlische zu spiegeln, so, wie ein stiller, klarer See in sich die Wolken und den Himmel spiegelt und gleichzeitig können wir den Boden des Sees sehen. Das Üben, das vorher anstrengend war und nur eine angeordnete Disziplin, wird nun zu einer Freude und erhält einen zentralen Platz im persönlichen Leben. Und jetzt erst, mit dieser Freude, beginnen die Vorbereitungen einer Schülerin und eines Schülers auf die Begegnung mit der Gurukraft durch die Arbeit an den Errungenschaften.
Diese Errungenschaften zeigen ein Hoffnungsprinzip in der Schöpfung auf. Sie sind keine Gebote, sondern Qualitäten, die sich in einem ernsthaft und regelmäßigen übenden Menschen, der mit Liebe und Hingabe übt, von ganz allein zu entfalten beginnen. Aus diesem Grunde sagt man auch: Wenn die Schüler vorbereitet sind, beginnt sich die Gurukraft von allein zu zeigen.
Diese Errungenschaften sind:
Die Vorbereitung des Schülers/der Schülerin
Shama friedvoller Zustand des Geistes
Dama Kontrolle der Sinne
- Uparati Zurücknehmen seiner selbst, göttlicher Gleichmut, Desinteresse an weltlichen Dingen, ein edlerer Zustand von vairagya
- Titiksha Ausdauer, Geduld und innere Stärke
- Shradda tiefer Glaubens-Wille, Bescheidenheit und Hingabe an die Schule, die Lehrer, den Weg und das Ziel
- Samadhana vollständige Konzentration des Geistes, Freiheit von Konflikten
- Mumuksha intensives Verlangen nach VerwirklichungViveka Kraft der unterscheidenden Wahrnehmung, die Wahrheit zu erkennen
- Vairagya Entsagung der Hindernisse, Entfärbung des Geistes
All diese Fähigkeiten sind die Voraussetzungen für eine Schülerin, eine Jüngerin werden zu können. Ein Jünger unterscheidet sich von einem Schüler dadurch, dass er entsprechend der Lehre der Upanishaden „ganz nah bei der Gurukraft sitzt". Das bedeutet, in tiefer Meditation zu ruhen; dann sitzt man nahe, je tiefer in der Meditation, desto näher an der Gurukraft.
Um die Schülerbeziehung zu einem Meister in eine Jüngerbeziehung umzuwandeln, musste eine Schülerin nach einer langen Lehrzeit zu ihrem Meister mit drei Holzstöckchen gehen. Wenn dieser diese annahm, zerbrach und in seinem Feuer verbrannte, hatte er sie als Jüngerin angenommen.
Heute haben sich die Verhältnisse geändert. Heute muss man jeden Tag aufs neue beweisen, ob man ein Jünger sein möchte und freiwillig nahe an dem lodernden, oft sengenden Feuer der Gurukraft sitzen und üben und sich reinigen möchte oder lieber nicht.
Es ist nur zu verständlich und menschlich, dass viele die Nähe eines Lehrers suchen, weil sie mit ihrem eigenen Leben nicht mehr zurechtkommen und Schutz und Trost suchen. Einige wünschen sich materiellen Erfolg und andere suchen nach Erkenntnis. Die Ernsthaftesten unter ihnen haben sich der Wahrheit durch aufrichtiges Üben angenähert. Sie beginnen, den Mut und die Qualitäten von Jüngern zu zeigen. So selten diese sind, so bedeutend werden sie für die Meisterseelen, denn nur dann können sie zu wirken beginnen. Indem sie ihre Seelen entzünden, beginnt das Strahlen ihrer Sehnsucht nach Erkenntnis sie zu umgeben und ihr Leben zu erhellen. Auf diese Weise brauchen die Schüler-und JüngerInnen ihre Meister-und LehrerInnen und diese jedoch brauchen ebenso ihre Jünger-und SchülerInnen. Wenn diese Verhältnisse anfangen, sich zu verselbständigen und die Geistige Kraft, die Gurukraft dabei aus dem Blick verloren geht, dann beginnen sich Konflikte und Unfreiheiten zu entwickeln, von denen wir heute in großer Anzahl hören.
Die Gurukraft ist ein Ausdruck der Geistigen Welt, der Welt der Einheit. Sie kennt keine Gegensätze und löst sie in sich auf. Jeder Mensch jedoch, der in die Welt der Gegensätze geboren wurde, in die Freiheit seines Seins, unterliegt auch ihren Gesetzen. Deshalb lautet die Definition von Yoga im Himalaya Institut: „ Yoga bedeutet, jedem Lebensaugenblick Würde zu verleihen". Das kann man nur, wenn man lernt, mit Liebe und Hingabe und großer Wachheit und Achtsamkeit zu üben. Dann öffnet sich das Herz und die Kraft des Mitgefühls beginnt, sich auszudehnen. Dogmatische Strenge und religiöser Übereifer verschwinden zugunsten eines Mittelweges, auf dem Achtsamkeit zählt. Der Mittelweg schließt Gegensätze ein.
Aus dieser Integration von Gegensätzen entwickelt sich Erkenntnisfähigkeit und Weisheit, die mit Bescheidenheit, Demut und Freundlichkeit zu unterscheiden lernt. Wer Leid und Enttäuschungen bei sich selbst und anderen zugibt und achtsam damit umgeht, findet zum großen Wesen des Mitgefühls im innersten seines Herzens.
Die Erkenntnis zwischen der sich zeigenden Kraft, die alles bewirkt und erwirkt - der Gurukraft und der Tatsache, dass sie nie ein Mensch sein kann zu unterscheiden, kann uns helfen, uns aus den Verstrickungen um die Schüler-LehrerInnen Beziehungen zu befreien. Buddha lehrte seine SchülerInnen in der Kalama-Sutra, dass sie sich unabhängig von jedem Text, jeder Lehre oder Autorität jeweils selbst aufrichtig fragen sollen, was angemessen und gesund und was unangemessen und ungesund ist. Um das leisten zu können, brauchen wir einander MeisterInnen, LehrerInnen, JüngerInnen, SchülerInnen.
Wir sollten lernen, in spirituellen Freundeskreisen zusammenzusitzen und es der Gurukraft ermöglichen, in der Form des Dialogverfahrens, unter uns zu verweilen.
„Wenn zwei oder drei in Meinem Namen zusammen sind, dann bin ich unter euch."(Matthäus Evangelium 18/20)
Wir sollten ein einfühlsames Zuhören erlernen, um füreinander Lernerfahrungsbegleiter zu werden. Dann reift in uns die Erkenntnis, dass wir, selbst wenn wir alle Winkel des Universums aufsuchen, doch keinem einzigen Wesen begegnen werden, das mehr Herzensgüte verdient hätte, als wir selbst. Und unter dem Einfluss dieser Erkenntnis löst sich das äußere LehrerInnen-SchülerInnen Verhältnis auf und wir beginnen in uns das Innere Zentrum des Bewusstseins, den Ort der Gurukraft in uns, die innere Lehrerin, den inneren Lehrer, das im Innersten Lehrende wahrzunehmen. Alle Fragen lösen sich auf und werden von innen heraus beantwortet.
SAMAHITA YOGA, der Yoga, den wir im Himalaya Institut Deutschland erüben, entfaltet sich. Von hier aus können nun Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit, Demut, Respekt und Dankbarkeit mühelos, im wachen Gewahrsein der eigenen Schattenseiten entstehen.
