Himalaya Institut

 

Saundarya Lahari

Von Swami Veda Bharati  

 

Der Weg des Tantra ist nicht der Weg, die Schönheit zu verleugnen. Die sogenannten spirituellen Menschen anderer Schulen dagegen sagen, dass der menschliche Körper nichts sei; er sei hässlich. Er sei Knochen und Fleisch und alles das, was aus euren Körperöffnungen entweicht. Und die südlichen buddhistischen Schulen nehmen die Schüler zu den Gräbern und zeigen ihnen die verrottenden Körper, um sie von der Anhaftung an den Körper zu befreien, nicht wahr? Das Gleiche gilt für die christliche Tradition. Das Gleiche für die Tradition der Hindus. Das Gleiche für die Tradition der südlichen Buddhisten, und so weiter. Das ist sehr, sehr weit verbreitet.  

 

Aber in der tantrischen Tradition ist es die Verehrung der Schönheit, und diese Schönheit zu ergreifen und sie zu einem Werkzeug der Höherentwicklung zu machen. Sie zu bewundern, sie anzubeten, sie zu lobpreisen, sie zu verehren und dadurch sich emporzuheben zur wahren Quelle dieser Schönheit, die eine nicht körperliche ist. Zu verstehen, dass sie eine Welle ist, die sich durch das ganze Universum bewegt, die alles verschönt, alle Kostbarkeiten und alle Augen von innen heraus, und dass es in diesem allem keinen Ausschluss (Verneinung/Verwerfung/Aufhebung) geben kann. Da kann es keine Verleugnung geben. Und trotzdem darf es dabei keine Anhaftung an eine bloße physische Form geben ohne eine Berührung durch diese Welle. So sollte die Bewunderung nicht der körperlichen Form gelten, sondern dieser inneren Welle, die die physische Form berührt und ihr die Schönheit und Anziehungskraft gibt.  

 

So versteht bitte, was diese Saundarya Lahari ist. Was ist diese Woge der Schönheit? Nun, lasst mich euch heute ein Geheimnis mitteilen. Wenn eure Spiritualität wächst, dann passiert es, dass die Leute sagen: „Er/sie ist eine bezaubernde Person". Stimmt das? Weil nämlich Sri Bhagavati Tripuri Saundarya, Sie, die Schönheit der Drei Städte... Sie manifestiert sich und verschönert euch. (In Indien schreiben wir an Stelle von „Frau" und „Herr" immer „Sri Mati" und „Sri". So sind alle neunhundert Inder in die Sri Vidya initiiert. Was für ein grossartiges Land! Sri Man??. Jeder Behördenbrief, den ihr bekommt, ist mit dem Segen des Sri versehen.) So macht es dich, es verschönert dich. Es gibt dir eine innere Schönheit, die sich aus dir heraus verströmt.  

 

Nun ist eines der gefährlichen Dinge dabei, dass diejenigen, die nicht in diese Stufe der Spiritualität initiiert sind, diese Schönheit missverstehen und auf eine körperliche Weise angezogen werden, und das ist die größte Gefahr im Leben eines Lehrers, müsst ihr wissen. Viele Lehrer müssen damit kämpfen, denn die Menschen wissen nicht, dass sie es zerstören, wenn sie es berühren. Und wenn ihr nicht vorsichtig seid oder gut geschult, oder wenn euer Guru nicht da ist, um euch Tag und Nacht eine Kopfnuss zu geben, dann macht ihr es zu einem Machtspiel, und dann fallt ihr runter. Und das passiert auch mit so vielen spirituellen Lehrern. Schaut hin. Es ist sehr, sehr leicht für einen spirituellen Lehrer, solch einer Bewunderung, einer solchen Anbetung von Menschen anheim zu fallen, müsst ihr wissen. Und alle kommen und sagen: „Du bist so grossartig. Du bist so wunderbar", wisst ihr, in einem solchen Ausmaß... Wer war diese grosse schiitische Dame im Süden, die darum gebetet hat, alt und hässlich zu sein? Sie hatte ihr Leben dem Göttlichen hingegeben und war so wunderschön, und alle kamen und rannten um sie herum und wollten sie heiraten und so. „Herr, bitte mache mich alt und hässlich, Lord Ganesha," Und über Nacht wurde sie alt und schlaff und war frei von den Leuten.  

Daher muss man immer, gleich ob Mann oder Frau, wenn ihr erst einmal Lehrer seid und das in euch habt, das ist das Grösste, müsst ihr wissen. Das passiert mit Sanyasins, wisst ihr, und je mehr ihr zurückweist, desto attraktiver werdet ihr. Und die Leute verstehen nicht mal, was es ist, wozu sie hingezogen werden. Man muss immer sehr wachsam sein... wenn man diese citta-ananda-lahari, diese Welle der Schönheit und Welle der Bewusstheit und Welle der Seligkeit aufnimmt. Diese All-umfassende Welle der Schönheit berührt euch von innen.  

 

 

Aus den Gesprächen über die Saundarya Lahari mit Swami Veda Bharati in Rishikesh (1998)  

 

 

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